
Schneewittchen
Überraschung
Da sitzt sie neben mir in der Stadtbibliothek. Hat geniest, während ich in das Kolorieren meiner Illustration für die „Bösen Märchen“ (mein nächstes Buch) vertieft war. Ich habe brav Gesundheit gewünscht, zwar den erfreut wirkenden und angenehm sympathischen Klang bemerkt, doch ihn nicht weiter beachtet. War einfach zu intensiv mit dem Finden des passenden Leuchtgrüns für das Schneewittchenkostüm auf meinem Bildschirm beschäftigt. Danach musste ich das Bild zur Weiterverarbeitung in die Cloud laden, da mein Schreibprogramm die Illustrationen nur auf dem PC lädt. Konzentration war nötig, dass dabei nichts schief geht.
Als das erledigt war, griff ich müde ob der schweißtreibenden Temperatur im Raum zu meiner Trinkflasche und entschied meine Acht- Worte-Geschichte gleich hier weiter zuschreiben. Gedankenlos warf ich einen Blick zum Nachbartisch und mich traf der Blitz!
Neben mir saß Schneewittchen. Mit Kopftuch und noch bezaubernder als die Prinzessin auf meinem gerade ins netz gesandten Bild. Die Ähnlichkeit mit der gemalten Figur und die Wirkung auf mich sind als wahrlich eklatant zu beschreiben. Urplötzlich war ich wieder voller Energie. dass ich keine sichtbaren Funken gesprüht habe ist ein Wunder.
Wäre ich eine Lokomotive würde ich laut pfeifen, Dampfwolken aus meinem Schornstein blasen und ab ginge die Fahrt! Nur der Bremser, sprich meine Vernunft und das Wissen, dass ich kein Jugendlicher mehr bin, obwohl ich mich verdammt so fühle, hält mich davon ab von den Gleisen zu springen. Ich fühle mich wie ein lang eingesperrter und übers gatter gesprungener Hengst.Das bezaubernde Wesen neben mir ist höchstens 20 Jahre alt und ich zwar noch nicht faltige, aber eben doch 67 jahr alt. Könnte ihr Opa sein. Und sie ahnt wohl nichts davon.
So hacke ich meine Begeisterung notgedrungen in die Tasten.
Trotzdem: Keine Schokolade, kein Lottogewinn, keine noch so heftige Droge könnte diesen Ernergieschub bewirken, den dieses Wesen am Nebentisch gerade in mir ausgelöst hat. Keine Versuchung dürfte lockender sein, kein Anblick belebender! Ich glaube, ich würde sämtliche Treueschwüre brechen, käme diese Versuchung von sich aus zu nahe.
Doch kann ich mich ohne große Anstrengung im Bewusstsein meiner Reife beherrschen und mich einfach daran erfreuen. Ich hatte fast vergessen, dass ich tatsächlich noch so schnell richtig lebendig werden kann. Bin einfach überwältigt davon, dass ich die schon fast begraben geglaubte Begeisterung wieder in mir spüre. Jene Begeisterung, die zeitlebens Garant für meinen unstillbaren Hunger auf Schönheit und neuem Wissen, meine Gier auf Verständnis und meine unbändige Neugier befeuert hat.
Jene Neugier, die es schafft, sogar Tote zu wecken!
Danke, schöne Nachbarin! Auch wenn ich weiß, dass Dein Gesicht, der süße Klang Deiner Stimme bald schon in meinem mittlerweile immer löchriger werdenden Erinnerungssieb hängenbleiben wird. Verschwinden, weil sie die Stürme des Lebens schnell verwehen werden.
Doch Duu hast mir gerade nur durch Dein Sein neues Leben eingehaucht.
