
Picea – ein Weihnachtstraum
Klein Picea
Seit Tagen schneite es in der Nacht und am Tage schmolz die weiße Pracht wieder. Klein Picea blinzelte und die langsam fallenden Flocken machten sie sooo müde und schläfrig, dass sie den Morgenapell verschlief. Was ihr alledings wenig ausmachte, denn die weißen Träume mit der glitzernden Pracht am Boden und auf den sich tief verbeugenden Ästen im hellen Mondlicht waren ein viel netterer Anblick als diese trüben, grauen Tagesstunden, in denen das kalte Dauertropfen das einzige war, was sie neben dem Ächzen und Knarren der Rinde und dem Stakato des Buntspechts zu hören bekam. Im Sommer war da wesentlich mehr los. Mäuse raschelten, sobald das Käuzchen seinen Kopf unter die Flügel steckte, Vogelstimmen schwirrten zuerst noch einzeln und später in solch Fülle durch die Zweige, dass es zu einer wahren Symphonie wurde und mit den ersten Sonnenstrahlen überschwemmten die Kaninchen die Lichtung, bis Reinekes roter Schatten am Waldrand auftauchte.
Aber nun war Dezember und die Erzählungen der Alten von meterdicken Schneedecken und tiefen Spuren, die kreuz und quer darüber führen sollten, dem reichhaltigen Haufen mit Äpfeln, Maiskolben und Heu, den der Förster immer zur Raufe gebracht hatte, wurden von Jahr zu Jahr unglaubwürdiger. Picea sehnte deshalb an solchen Tagen die Dunkelheit herbei. Da machte es ihr nichts aus, dass sie am Tage kaum Licht und Luft bekam, weil die blöden Großen ihr alles Licht nahmen, ihre Köpfe stolz gen Himmel reckten und auf die Kleinen wie sie nur mitleidig herunterblickten.
Doch heute sollte sich ihr Schicksal ändern. Sie hatte es schon in der Nacht geträumt. Plötzlich hatten Zweige geknackt, ein Hund war hechelnd um sie herum gestrichen und eine laute Stimme hatte mehrfach Rex gerufen. Kurz darauf wurde sie geschüttelt und gerüttelt, dass die Schneeflocken nur so von ihren Ästen davonstieben und etwas glänzendes Scharfes hatte auf sie eingeschlagen. Danach war es dunkel geworden und ein lautes Brummen hatte sie kräftig durchgeschüttelt. Sie musste ohnmächtig geworden sein, denn als sie wieder etwas wahrnahm, hatte sich die Welt vollständig verändert.
Alles war hell geworden, fast schon zu grell, so dass sie wieder blinzeln musste wie vorher in den Mondnächten. Als sie sich daran gewöhnt hatte, kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es war zwar hell, doch das kalte Tropfen der Tage war vollständig verschwunden. Zwar lagen unter ihr wieder Moos und rotbackige Äpfel wie im Wald, doch die Großen, die ihr sonst das ganze Licht nahmen, waren alle verschwunden. Nicht nur das, es war warm und der Duft ihrer Nadeln erfüllte den Raum. Bunte Kugeln schmückten sie und ein goldener Engel saß auf ihrer Spitze. Das Leuchten kam auch nicht vom Mond oder der Sonne, sondern von Ihr! Überall auf ihren Zweigen sassen kleine Flämmchen, spiegelten sich in den glänzenden Kugeln und sandten ihre Strahlen in den Raum um sie herum.
Das Strahlen kam sogar zurück. Erst ertönte ein leises Klingeln, dann öffnete sich eine Türe und leuchtende Kinderaugen erfüllten ihr Herz. Sie fühlte sich wie im Paradies!
Doch es kam das Erwachen. Wie immer bei solch schönen Träumen!
Es war der Eichelhäher gewesen, der Eindringlinge gemeldet hatte. Zuerst war sie böse auf den ewigen Krawallmacher gewesen. Doch dann hatte sie sich an ihren Traum erinnert und als dann der Hund auftauchte, die laute Stimme Rex rief, erkannte sie ihre besondere Gabe. Andere Bäume standen zwar jahrelang und strebten dem Himmel entgegen. Sie waren immer im Wettstreit mit ihren Altersgenossen um jeden Sonnenstrahl. Vielleicht wurden sie nach dem Fällen zu einem Bett, einer Kommode, gaben den Kleinen dadurch etwas mehr Licht. Diese strebten dann bald wie all die anderen Großen so schnell wie möglich nach oben. Eifersüchtig auf jene, die schneller wuchsen als sie. Doch diese erreichten nie den Himmel, den die kleine Fichte ganz wie in ihrem Traum nun fand.
Denn Piceas Himmel lag nun im Glanz von leuchtenden Kinderaugen!
