Mogüll (6) und das Gänseblümchen

Mogüll und das Gänseblümchen

Nach der schrecklichen Nachricht musste Eric die Frau aufffangen. Margarita Tosun,d ie Frau des ominösen Toten aus dem Pool des Kreuzfahrtschiffs brauchte fast eine halbe Stunde, bis sie ihre Tränen soweit zurückhalten konnte, dass sie des Kommissars Fragen beantworten konnte. Als Besitzer eines Reisebüros in Girne mit Zweigstelle in Antalya unternahm ihr Partner öfters Reisen in die Türkei. Wegen seiner ausgeprägten Flugangst nutzte er allerdings immer den Seeweg. So konnte er aufgrund seiner guten Kontakte zu den Reedereien auch in fast jedes Kreuzfahrtschiff einsteigen, das gerade im Hafen lag. Er liebte das Skifahren. Auch wenn es für zypriotische Männer nicht gerade typisch war. In Saklıkent liebte er die Abfahrten mit Blick aufs Mittelmeer. Gerade war zwar keine Saison, doch er hatte im Sommer immer seine Ausrüstung mit nach Hause genommen, um sie für den nächsten Winter zu reinigen, die Kanten zu schleifen und sie frisch zu wachsen, bevor er sie in einen alten Teppich einwickelte und sorgsam im kühleren Keller verstaute. In Antalya hatte nämlich einmal ein Kurzschluß zu einem Brand geführt und seine gesamte Ausrüstung zerstört. Seither wollte er die Sachen immer in seiner Nähe haben. Dieses Jahr hatte er jedoch so viel zu tun gehabt, dass er erst jetzt dazu gekommen war, sie zu holen.


“ Er hat den Schnee so geliebt!“ Sie brach wieder in Tränen aus. „Ich durfte keinen Socken mit Löchern wegwerfen, da er die immer zum Polieren verwendet hat. Seinen Anzug hat er nach der Wäsche und Neuimprägnierung zusammen mit den Schuhen immer gleich der Schaufensterpuppe angezogen und sie im Spätherbst in das Schaufenster gestellt. Die Ski und die Stöcke wurden dann zwischen Beine und Arme der Figur eingeklemmt.“


Auf die Frage, ob sie manchmal auch mit ihrem Mann auf der Piste war, schüttelte sie ihren Lockenkopf. Sie hätte es am Anfang ihrer Beziehung ein paar Mal versucht, doch die Skischuhe wären immer so knallhart gewesen und es wäre mehr ein Rumstolpen denn wirklich Fahren gewesen, dass sie es bald wieder aufgegeben hatte. Sie hatte ihm aber seine Auszeiten von Herzen gegönnt, denn er sei immer so glücklich und ausgeglichen vom Berg zurückgekommen, dass sie sich riesig auf seine Rückkehr gefreut habe. Als es ihr nun wieder die Tränen aus den Augen drückte, fragte er noch, ob sie am nächsten Tag in die Rechtsmedizin zur Identifikation kommen könne und ob sie jemanden hätte, der ihr die nächste Zeit Gesellschaft leisten könne. Sie bejahte beides, bevor er sich mit einem herzlichen Händedruck und der Versicherung verabschiedete, dass sie ihn jederzeit kontaktieren dürfe, wenn sie Hilfe bräuchte.


Als sie die Türe hinter sich geschlossen hatte, blieb er noch einen Moment stehen und fragte sich, was denn nun in ihn gefahren sei. Er war doch Kommissar und kein Therapeut oder Seelsorger! Gut, die Frau war atemberaubend schön, und das Gänseblümchen als ihr Vorname war die Untertreibung des Jahrhunderts, selbst Rose wäre noch zu lahm, was ihre Ausstrahlung betrifft. Doch das durfte bei einem Profi wie ihm erst recht kein Grund sein, sich an eine frisch gebackene Witwe ranzumachen. Verärgert über sich selbst schüttelte er den Kopf.


Schon gar nicht bei ihm, dem griesgrämigsten Macho ganz Girnes!

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