
Hexenjagd
Wie Hexenjagden entstehen
Denken wir an Hexen, fällt uns meist zuerst die alte Geschichte von Hänsel und Gretel und das kleine Lebkuchenhaus ein. Danach kommt der Rabe und statt des Ofens, in den am glücklichen Ende die Kinder sie stoßen, kommen uns mittlerweile die grausamen Hexenverbrennungen des Mittelalters in den Sinn. Doch auch heute ist es nicht wirklich die sichtbare abstoßend haarige Warze auf der Nase, die uns ins Verderben lockt. Denn es waren nie die Kräuterfrauen, die uns ins Elend schickten, sondern in Wahrheit immer die verdammten Glattnasen!
Glattnasen? Was soll denn das sein, werden sie fragen.
Nun – es ist ganz einfach. Es ist die glatte Maske, mit der sie heute wie gestern die Menschen täuschen. Glattnasen sind nämlich jene, die uns aus Eigeninteresse und Gier den gesunden Riecher für das Menschliche und Gerechte stehlen. Ihre Maske blendet uns mit ihrem falschen Lächeln. Sie ist so glatt, dass alles Leid um sie herum und jede Kritik ungehört von ihnen abtropft. Deshalb nenne ich solche Menschen Glattnasen!
Die Hexen mussten damals brennen, weil sie die wahren Gesichter hinter den schönen Masken sahen, die Warzen der Gier und die haarigen Versprechen dahinter erkannten und die ruchlosen Augenwischer in ihrer Mitte alleine damit schon zu herausfordern schienen.
Diese Vermutung war zwar ein Fehlschluss, denn meist lebten sie zurückgezogen und ließen den Menschen ihre ärmliche Kleingläubigkeit. Doch sie mussten helfen, wenn sie darum gebeten wurden.
Es war ihr Erfolg, der sie ins Visier der Hexenjäger brachte. Der Erfolg, den die Glattnasen und Augenwischer in Wirklichkeit mit ihren Methoden nicht hatten. Und weil diese Schmach verstecken mussten, bevor es auch dem einfachen Volk auffiel, dichteten sie ihre hässlichen Warzen und ihre haarigen Geschichten den einzigen Menschen an, die ihren Mitmenschen meist trotz aller Ängste und Vorurteile wohlwollend und hilfreich zur Seite standen. Hexen nannten sie diese und dichteten ihnen den Teufel an.
Wie schon in der Vergangenheit nutzen Glattnasen auch heute die Ängste der Menschen und locken sie hinter bunten, blinkenden Glasscheiben versteckt, mit dem Tand, der in Wirklichkeit nie ihre Not lindern, ihre Sehnsüchte stillen und ihrem Leben Stabilität und Sicherheit geben kann. Vielleicht klingt das melodramatisch, doch sie verkaufen uns den Mond als Sonne und baden sich in den gestohlenen Strahlen. So setzen sie sich auch heute ins vermeintlich rechte (wortwörtlich?!) Licht und bringen ihre Masken zum Glänzen. Wer ihnen huldigt, bekommt das falsche Versprechen, dass er irgendwann, wenn er sich nur genug anstrengt, auch das Licht erreicht. Wer nur versucht, hinter ihre Maske zu schauen, darf sich auch heute noch auf eine Hexenjagd freuen. Zwar drohen nur wenigen Eisenstäbe vor dem Fenster, doch nach dem Gang durchs heutige virtuelle Fegefeuer bleibt ihnen meist nur noch die Selbstachtung. Manchen wird auch selbst die genommen.
Immer wieder versuchen sich besonders Mutige als Gestaltwandler. Sie ziehen sich zum Schein eine Maske über und hoffen so, sich etwas vom gestohlenen Licht zurückzuholen. Wenn sie es schaffen, fühlt sich das so gut an, dass sie die Maske viel zu lange auflassen. Dann wachsen mit der Zeit auch ihnen hässliche Warzen und Haare auf der Nase. Damit ihre Freunde die nicht sehen, zurren sie die Maske ganz, ganz fest. So wächst sie mit der Zeit an. Sie werden dadurch selbst zu einer Glattnase und nehmen sich vor bösen Hexen in Acht, die sie ihnen vom Gesicht ziehen könnten.
Und wer das immer noch für ein Märchen hält, sollte einmal schauen, ob ihm nicht auch schon eine Warze wächst!
