
Goldener Thymian
Ein entstehender Roman, der in Freiburg spielt. Bisher habe ich 11 Kapitel, die ich hier einstellen kann. Ich werde parallel dazu weiterschreiben.
Kapitel 1 Wierenlüste
Adrian stieg, je zwei Stufen auf einmal nehmend, die knarrende Holzstiege zu seinem neuen Domizil hinauf. Vor zwei Wochen war er hier eingezogen. Eine kleine hübsche Dachgeschosswohnung in der Wiehre, einem schönen Viertel von Freiburg, der grünen Studentenstadt im warmen Süden Deutschlands, nannte er seit Semesterbeginn sein Eigen. Wenn er mittags aus dem Institut nach Hause kam und das Fahrrad hinter dem Haus angeschlossen hatte, freute er sich schon auf den Blick aus seinem Fenster.
Nicht, dass er einen Panoramablick über die Dächer der Stadt gehabt hätte.
Weit besser! Vor seinem Fenster stand ein riesiger Baum. Sein Blick ging mitten hinein in die Krone. Direkt, etwa anderthalb Meter entfernt, in ein Vogelnest.
Er war zwar kein Ornithologe und die Vögel, die darin nisteten, waren ihm unbekannt, doch es war wunderbar, die Jungen jeden Tag wachsen zu sehen. In ihre weit aufgesperrten Schnäbel zu schauen, wenn ein Elternteil mit einem Wurm oder einem Käfer zurückkam. Ihrem Geschrei zuzuhören und sich vorzustellen, wie es wohl wäre, selbst ein Vogel zu sein und bald die ersten unbeholfenen Flugübungen zu machen.
Ob Vögel wohl auch schwindlig wurden, beim Hinabschauen. Zumindest vor dem ersten Flugversuch? Es musste traumhaft sein, sich von der Luft tragen zu lassen. Mit dem Abspreizen einer Fügelfeder, in eine enge Kurve zu gleiten, jederzeit über alle Dächer hinwegsehen zu können, wenn man es nur wollte.
So konnte er stundenlang dasitzen und träumen.
Und, was weniger prickelnd war: das Studieren vergessen!
Allerdings war er nach einer halben Stunde Vögeln – bei dem Gedanken huschte ein Grinsen über sein Gesicht – wieder viel aufnahmefähiger.
Ein Weckruf vom Handy könnte da sicher helfen. Doch das traute er sich der Vögel wegen nicht. Weil er Angst hatte, sie zu stören, stellte er als erste Amtshandlung, wenn er in seine Wohnung kam, zuerst einmal das Telefon aus. Denn selbst der Vibralarm hatte ihn schon so erschrocken, dass er zusammen gezuckt war und die Elterntiere eine halbe Stunde laut protestierend im Nachbarbaum herumgeflogen waren. Und im Nest hatte sich für diese Zeit gar nichts mehr gerührt.
Noch etwas gab es, auf das er sich freute.
Im ersten Stock machte er in seinem Spurt im Treppenhaus nach oben immer eine Pause. Er legte die letzten drei Stufen der unteren, die Plattform, sowie die ersten drei Stufen der oberen Treppe, ein ThaiChi Walking, wie er es nannte, in Zeitlupe hin. Er öffnete Nase und Ohren ganz weit und sog genüsslich so viel Luft ein, wie er nur in seine Raucher-Lungenflügel hineinbekam. Deshalb rauchte er auch kaum noch, und morgens schon gar nicht mehr, nur um nichts zu verpassen.
An seinen Ohren musste er nichts ändern, die standen sowieso schon ab.
Der Grund für sein Innehalten waren die unglaublichen Düfte und die wunderbare Musik, die von jenseits der rechten Haustüre auf diesem Stockwerk kamen.
