Goldener Thymian 4 – Lills Enttäuschung

Goldener Thymian – Kapitel 4 – Lills Enttäuschung


Lill war heute wieder einmal vollkommen zerstreut.
Zuerst hatte sie den Autoschlüssel in die Seitentasche der Regenjacke gesteckt und dann die Jeansjacke angezogen. Also musste sie noch einmal mit den ganzen Taschen von der Tiefgarage in den fünften Stock keuchen. Seit Wochen war der Fahrstuhl ausgefallen, und vor zwei Tagen hatten sie unten mehrere Autos aufgebrochen. Als sie oben war, stellte sie fest, dass sie den Hausschlüssel bei ihrer Suche nach dem Autoschlüssel auf dem Dach ihres Polos liegen gelassen hatte. Mist! Und das heute, wo sie ohnehin schon zu spät dran war. In einer halben Stunde begann ihre Prüfung, und Professor Müller mochte Unpünktlichkeit gar nicht.

Kurzentschlossen ließ sie alles außer ihrer Studienmappe vor der Wohnung, stürzte in Dreierstufen das Treppenhaus hinunter und wäre fast an Frau Metztger, ihrer Nachbarin vorbeigerannt, die ihr im vierten Stock entgegenkam.
„Halt, junges Fräulein, sie wollen doch sicher dies hier!“
Lächelnd hob sie ihr den Schlüsselbund vor die Nase.
„Sie sind ein Engel, Frau Metzger, und ich heute mal wieder total vertrottelt. Ich sollte schon längst im Institut sein, stattdessen mache ich hier einen Treppenhausmarathon.“
Lill schnappte sich den Bund, drehte auf dem Absatz um und rannte wieder nach oben.

Als sie zwanzig Minuten später die Tür zum Prüfungszimmer öffnete, fühlte sie sich wie ein ausgewrungener Putzlappen. Sicher sah sie auch so aus. Doch das war ihr jetzt egal. Müller war ja kein Date.
Und außerdem rannte der selbst immer wie eine Vogelscheuche herum. Eine nette Vogelscheuche, zugegebenermaßen. So süße Lachfältchen wie er, sollte ihr zukünftiger Auserwählter, ihr Alltagsprinz gefälligst auch haben. Die Lippen dürften dafür etwas voller sein und ein Dawodiehautbesonderszartistwundrubbelrauschebart musste es auch nicht sein.

„Ich weiß nicht, warum sie mich so anlachen, Frau Svenson, aber ich gehe mal davon aus, sie haben sich so gut vorbereitet, dass sie sich riesig auf unser Stelldichein freuen.“
Eine halbe Stunde später ließ sie völlig geplättet dieselbe Türe wieder hinter sich ins Schloss fallen.

„Puh! Geschafft!“ Ausgequetscht hatte er sie, der olle Pauker, wie eine Zitrone. Doch zum Glück immer die richtigen Fragen gestellt. So viel hatte sie das ganze letzte Jahr nicht geplappert. Ihr Mund hatte jetzt sicher Fransen, wie der Läufer vor der Metzger ihrer Haustüre. Nun aber ab nach Hause, unter die Brause und flutsch-flutsch ab nach Buxtehude. Ja, Buxtehude! Wie sie sie immer anglotzten und grinsten, wenn sie den Namen ihres Geburtsorts preisgab. Neulich war es ihr zu blöd, und sie hatte auf die Frage, wo sie denn herkomme, „da, wo der Pfeffer wächst“ geantwortet. Nächstes Mal würde sie „vom Takatukaland“ sagen. Es war einfach klasse, wie blöd die Leute schauen konnten. Fred Alberts, der kleine, aber sympathische Dicke, hatte das Maul nicht mehr zubekommen. „Türe zu, es zieht!“ hatte ihn noch mehr verwirrt. Zum Kringeln. Buxtehude, wo ihr Lude für seine Trude die Buchsen fallen ließ.

Na, na, jetzt aber nicht, ihr lüsternen Fingerlein.
Auch wenn ihr bei dem Gedanken so heiß wurde, Herr Wichsmann kam ihr jetzt nicht unter die Brause. Sonst käme sie garantiert nicht mehr pünktlich bei ihrem Freund und Mösenstecher Matjes, Mathias dem Ersten, ehemaliger wilder, doch von ihr handzahm gezähmter Dorfcasanova, an. Und die Karten für das Konzert waren verflucht teuer gewesen, da wollte sie nicht in der letzten Reihe stehen.Also Hebel auf kalt, Luft schnappen, Seife wegduschen, trockenrubbeln, rein in die Klamotten und hopp, hopp, ab zum Bahnhof.

Gerade wollte sie in den ICE steigen, hatte schon eine Tasche drin, als ihr Handy klingelte.
„Lill-Maus, Süße, duuuu, würde es dir etwas ausmachen, wenn ich heute Abend Peter zum Konzert mitnähme? Der ist nämlich eben gerade aus Berlin zu Besuch gekommen. Ich verspreche Dir auch, wir holen es so bald wie möglich nach. Könnten uns ja in zwei Wochen in Köln treffen? Da spielen sie wieder.“

Lill riss die Tasche gerade noch zwischen den sich schließenden Türen aus dem Zug.
So ein Arsch! Was war ihr denn anderes übrig geblieben, als „klar, wenn du meinst, bis dann“ zu antworten?

Jetzt saß sie auf dem Bahnsteig auf ihrer Tasche und heulte. Vor Enttäuschung, vor Wut. Auf das Archloch. Auf sich. An die jetzt ungültige Frühbucherfahrkarte, achtzig Euros futsch, durfte sie gar nicht denken. Was bildet der sich ein! Das war jetzt schon das dritte Mal im letzten halben Jahr, dass er sie auslud. Peter, Peter. Moment – der war doch seit zwei Wochen in Australien? Boah! Jetzt schlägts aber dreizehn!
Langsam versiegten ihre Tränen, sie schleppte sich und ihr Gepäck zum Lift und die kalte Wut stieg in ihr auf. Hatte der ein Glück, dass ihn gerade knapp achthundert Kilometer von ihr trennen. Nichts mehr Wichsmann – Wichser!!!!!!!!!! Der konnte ab jetzt mit Peters oder Petras sooft auf Konzerte gehen, wie er wollte. Mit ihr garantiert nie mehr.

„Hee, pass doch auf, du Depp!“

Sie blieb mit der Schnalle ihrer Reisetasche am Fahrrad eines gelockten Blondschopfs hängen, das er gerade gegenüber dem Bahnhof abschließen wollte. Heftig riss sie sich los. Raaatsch machte es und der gesamte Inhalt der Tasche ergoss sich übers Trottoir. Wieder flossen die Tränen. Als sie sich neben den Haufen einfach auf den Boden setzte und das Gesicht in ihren Händen begrub, wollte sie einfach nicht mehr da sein. Es war einfach alles zu viel heute. Sie wollte nicht mehr. Scheiß Welt, Scheiß Peter, Scheiß Matjes. Oberarschwenauchimmerstecher!

„Sorry, das wollte ich nicht. Ich hab’ dich gar nicht kommen sehen!“

Nette Stimme, so warm. Wohl von dem armen Typ, der ihr in ihrer blinden Wut ungeschickterweise im Weg gestanden war. Eine Hand legte sich sanft auf ihre Schulter.

„Soll ich dir helfen, alles wieder einzusammeln? Bei dem Wind liegt sonst gleich alles auf der Straße.“

Sie öffnete die Augen und sah, wie er ihr das verlorene Ticket entgegenstreckte.

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