
Goldener Thymian 8 – Horsts Hände
„Was für feingliedrige Hände er hat.“ Donna Esthefan konnte den Blick nicht von seinen Händen lassen. Gerade war er dabei, am Wasserstein ihrer Spüle den Vogelschiss mit etwas Seife herauszubürsten. Den Schiss, den der dottergelbe Pirol oder eines seiner Jungen just in dem Moment hatte fallen lassen, als Horst Blumkohl den Korb abgestellt und ihren Schlüssel ins Schloss der Haustüre gesteckt hatte. Natürlich hatte er sie gestützt und nach Hause begleitet. Er war ein richtiger Gentleman der alten Schule. Obwohl ihr bei jedem Auftreten mit dem verletzten Fuß ein Stich vom Knöchel bis hoch in den Rücken fuhr, genoss sie jeden Schritt am Arm des Fremden. Der starke, sehnige Arm, auf den sie sich stütze, erinnerte sie an längst vergangene Spaziergänge über die Märkte von Barcelona mit ihrem geliebten Emilio.
Nirgendwo fühlte sie sich mehr als Spanierin, als auf dem Wochenmarkt. All die köstlichen Gemüse und Früchte aus dem gesamten Land wurden auf dem Mercat de St. Antoni aufs Liebevollste dem Käufer dargeboten.
Ein schier grenzenloses Paradies für Nase, Augen und Ohren war das gewesen. Sie hatte sich immer von den überquellenden Reizen schon nach wenigen Metern wie beschwipst gefühlt. Trunken in Wolken voller köstlicher Düfte. Doch mit Emilios starken Armen konnte sie die Pracht mit allen Sinnen in sich aufnehmen und eintauchen, ohne von den damit verbundenen Gefühlsfluten mitgerissen zu werden.
Ach, Emilio, ihr geliebter Emilio! Wie er ihr fehlte! Schon so viele Jahre half ihr nur noch ihre Religio, konnte sie nur im tiefen Einverständnis mit den Gesandten der Mutter und dem Geist des großen Vaters wahre innige Freude empfinden. In Ihren Ritualen, im Umgang mit den Ingredenzien, den Geschenken von Mutter Erde fand sie die Ruhe, diesen unsäglichen Verlust zu verschmerzen. So war aus einem temperamentvollen, lebenslustigen, jungen Weib ein kauziges, einsames, altes Kräuterhexlein geworden.
In Barcelona hatte sie es nicht mehr ausgehalten. Alles in dieser Stadt erinnerte sie an Emilio. An alles, was sie miteinander erlebt, unendlich genossen und geliebt hatten. Sie war damals nur noch unendlicher Schmerz, ganz Trauer. Als sie nach einigen Monaten gar wie in Trance in einem Restaurant zwei Teller wilden Spargel bestellte und erst die Frage der Bedienung, ob sie es abräumen solle, sie wieder in die Wirklichkeit zurückholte, traf sie eine Entscheidung.
Sie packte kurz entschlossen ein Bündel und lief los. Ohne Ziel. Immer der Nase nach. Nur weg.
So war sie eines Tages in Freiburg angelangt. Nicht glücklich, doch ruhig. Ganz bei sich selbst angekommen. Auch hier war es der Markt, die schöne große Kirche und die Nähe zur Natur, die sie einluden, ihre Flucht zu beenden. Sie fand einen Job in einer Gärtnerei, eine kleine ruhige Wohnung und blieb.
Und nun stand an ihrer Spüle ein Mann. Das alleine war schon eine kleine Sensation. Lange, sicher sehr gefühlvolle Finger, versuchten, mit etwas Seife auf einem angefeuchteten Taschentuch den Rest des Flecks wegzustreicheln. Mit einem ihrer Mittelchen wäre die Farbe im Handumdrehen verschwunden gewesen, doch mit einem kleinen verschmitzten Lächeln gestand sie sich ein, dass sie gerade das im augenblick gar nicht wollte.
Jetzt, da sich mit jedem Stich in den Rücken die alte Lebenslust und der Schmerz über den Verlust Emilios neu meldeten. Jetzt, wo die zarten, aber kraftvoll stützenden Hände eines Mannes, seine sehnigen Unterarme und sein warmer Blick ihr zeigten, was sie all die Jahre aus Angst durchzudrehen vor sich selbst versteckt hatte. So tief, dass sie nicht einmal mehr eine Ahnung hatte, wieviel Leben sie sich damit versagte.
Dieser Moment soll so schnell nicht zu Ende sein!
