
Goldener Thymian – Wochenmarkt Münsterplatz
„Nein, Fräulein Estefan, Thymian und Koriander sind leider ausverkauft. Vielleicht bekommen sie noch was bei Müllers hinterm Münster. Die haben auch immer frische Kräuter dabei.“
Lill stand, ungeduldig ihre Zehen in die Sandalen krallend am Bio-Stand. Vor ihr waren noch diese wunderliche Alte mit dem bunten Halstuch und der ältliche Casanova-Verschnitt mit der leicht getönten Horst-Buchholz-Brille.
„Jetzt aber! Nicht ungerecht werden!“ schalt sie sich. Seit vorgestern könnte sie die Männer allesamt auf den Mond schießen. Von Pseudohelden hatte sie die Möse gestrichen voll. Zu Recht! Doch sollte sie das nicht auf alle und jeden übertragen. Wenn sie an manche ihrer Geschlechtgenossinnen dachte und daran, mit welcher Einstellung die ihre Beziehung sahen, wurde ihr schlecht. Außerdem gab es da ja auch noch solche Jungs, wie den, den sie so bescheuert angezickt hatte. Der war tatsächlich ruhig geblieben und hatte ihr zum Dank fürs Angepisstwerden noch geholfen, ihre Sachen wieder einzusammeln. An seiner Stelle hätte sie die Zicke mit der Bescherung einfach sitzen lassen. Das hätte sie sich schließlich selbst zuzuschreiben gehabt. Nur schade, dass sie auf sein Angebot, ihr ein offenes Ohr zu leihen, nicht eingegangen war. Schon als er auf seinem Fahrrad saß und die ersten Pedaltritte auf die Bismarkallee zumachte, bereute sie schon, ihn nicht nach seinem Namen gefragt zu haben. Einen kurzen Moment jedenfalls. Das Gefühl “Chance verpasst“ leitete sie übergangslos weiter in ihre Wut und Enttäuschung über ihren Ex Matjes. „Dieser elende Stinkefisch, sollen ihn die Möven holen!“
Eine Hand an ihrem Unterarm und ein leiser, spitzer Schrei rissen sie plötzlich aus den quälenden Gedanken. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder nach außen und sah in ein schmerzverzerrtes Gesicht.
„Verzeihen Sie bitte, ich bin gestolpert und muss mir den Knöchel verstaucht haben! Mier…coles!“ Neben den sichtbaren Schmerzen erschien jetzt ein verlegenes Lächeln auf dem faltigen Gesicht der Alten. Sie versuchte, Lills Arm loszulassen. Doch kaum hatte die Frau die Finger gelöst, strauchelte sie und Lill musste sie schnell stützen, dass die Frau nicht zu Boden ging.
Dieses Mal war es an Lill, zu lächeln.
„Da bin ich ja froh, genau am richtigen Platz zu stehen.“
Während sie der Dame half, zu einem Stuhl des Cafe Kornhaus zu kommen, auf dem sie sich setzen konnte, sammelte der ältere Herr, der am Marktstand zwischen ihnen gestanden hatte, das aus dem heruntergefallenen Korb herausgepurzelte Gemüse und Obst vom Pflaster.
„Sie haben ja einen außergewöhnlichen Geschmack! Ich glaube, ich habe alles wiedergefunden. Horst Blumkohl, mein Name.“ Als der Mann mit dem Korb am Tisch erschien, bat Lill sich für einen Moment entfernen zu dürfen, da gerade niemand am Marktstand war und ließ die beiden alleine. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie noch, wie der alte Herr in die Knie ging, wohl um nach dem verletzten Knöchel zu schauen. „Ein schönes Bild“, dachte sie kurz und seufzte tief, „wie ein Ritter vor seiner Königin.“
Als sie nach ihrem Einkauf, einem Bund Karotten, Kräutern querbeet, einer Schlangengurke und einer besonders interessant geformten Ingwerwurzel, wieder zum Café Kornhaus zurückkehrte, sah sie, wie Ritter Horst seine humpelnde Königin gerade hinter das Münster geleitete.Auf dem nun verlassenen Tisch fand sie eine kleine, nach Lavendel, Zitrone und etwas Bergamotte duftende Karte mit zierlicher Handschrift.
„Ich danke Ihnen sehr für Ihre freundliche Hilfe. Donna Estefan
Ps.: Falls Sie auch einmal dringend Hilfe benötigen sollten, fragen Sie ruhig am Marktstand nach mir.“
