Goldener Thymian 6 – Horst

Goldener Thymian – Horst

„Gehst Du heute wieder zu Deiner spanischen Hexe?“

Horst schaute angestrengt in den Spiegel. Nichts war schlimmer, als ein paar vergessene Barthaare nach der Rasur. Wo hatte er denn nur seine Brille wieder hingelegt. Das war schon ein Kreuz mit dem Alter.

„Wo ist denn der Schminkspiegel?“

Anita schob ihn grob zur Seite. Sie schnaubte.

„Zum Glück ist Dein Kopf angewachsen. Demnächst fragst Du mich noch, wo Deine Pantoffeln stehen. Zieh doch die Brille auf, Du Pfau, dann brauch ich Dir nicht immer hinterherrennen, alter Trottel Du!“

Horst zog es vor, nichts zu entgegnen. Eigentlich sollte er nach all den Jahren wissen, dass er Anita so früh nicht ansprechen durfte.

Wieso er dieses Weib geheiratet hatte, hatte er schon lange vergessen.

Was Liebreiz war, konnte er nur noch erahnen, wenn er die jungen Dinger in der Stadt sah. Ach so, die Gläser! Stimmt, die hatte er ja gestern neben dem Fernsehsessel auf den Hocker gelegt. Das mit dem Alter nervte auch. Eigentlich fühlte er sich überhaupt nicht wie 71. Eher wie 45. Nur die Zipperlein wurden von Jahr zu Jahr mehr und seine trüben Augen erinnerten ihn auch jeden Morgen daran, dass die Jahre nicht spurlos an ihm vorübergingen. Gut – dass ihn ein weibliches Wesen verführerisch angelächelt hatte, war auch schon ein paar Jährchen her.

Er lächelte. Die Situation stand noch vor seinen Augen, als ob es gestern gewesen wäre. Er saß in seinem Café-Himmel, das „Süße Löchle“ war ja schon seit fünfzehn Jahren zu -, las die Tageszeitung und genoss es, dabei nicht gestört zu werden. Er erinnerte sich noch genau an den Geruch. Es roch an diesem Morgen ganz besonders gut nach Spekulatius. Er saß ganz in der Nähe der Verkaufstheke, schon kurz, nachdem Frollein Elfriede geöffnet hatte. Ihn ließ sie schon vor der regulären Öffnung rein und kredenzte ihm den ersten Espresso aus der Maschine, bevor sie das frische Gebäck nach vorn holte. Er mochte es, wie die warmen Gerüche nacheinander in die Nase stiegen, wenn sie die Theke mit all dem duftenden Gebäck und den frisch aus dem Ofen kommenden Brötchen und Brezeln füllte.
Plötzlich, genau mitten in diesem Artikel über Molekularbiologie und die Chancen, die darin für die Menschheit lagen – Prof. Zwickel führte der staunenden Zuschauermenge sein neuestes Experiment……. – fiel ein Schatten auf seine Zeitung. 

Etwas berührte zart seinen Handrücken und verschwand unter seinem Tisch. Dazu wehte ihm ein himmlischer Duft in die Nüstern. Als er sich bückte, sah er ein blütenweißes Taschentuch auf einem seiner immer makellos schwarz glänzenden Schuhe liegen. Ach was! Schweben. Für ihn war es in der Erinnerung wie eine weiße Daunenfeder, die da neben ihm direkt von Frau Holle vom Himmel gefallen war.

Eine Schicksalsfeder!

Einen Fingerzeig des Himmels, dem er leider nicht gefolgt war. Feige gekniffen hatte. Sich mit Vernunft herausgeredet. Sich selbst freigesprochen. Nur damit er wieder zurück in seinen Ehekäfig kehren konnte. Er seufzte.

Ganz so war es nicht gewesen.

Klar hatte er blitzschnell kombiniert. Hatte hinter sich geschaut, Hallo gerufen und mit dem wunderbar, nach, Zitrone, Patschuli  und etwas Zimt, wenn er sich nicht täuschte, falls dieser nicht von den Spekulationen herüberwehte – Tuch gewunken. Er hatte – wenn er es sich heute vor Augen rief, wie in Zeitlupe, wie in Watte gepackt, mit blöde offen stehendem Mund, wahrgenommen, wie ein Engel, eine Göttin sich zu ihm herumgedreht hatte. Mit zuerst einem etwas schnippisch fragendem Augenaufschlag, einem dezenten Heben einer Augenbraue und nach dem eher neutralen Blick auf das Stück Stoff in seiner Hand und einem so bezaubernden Lächeln, dass ihm heute noch schwindlig davon wurde.

Die Beule in seiner Hose war fast so drängend wie in seinen besten Jahren. 

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