
Goldener Thymian -Blicke
Adrian hielt die Luft an.
Was war das? Für einen kurzen Moment hatte er das deutliche Gefühl, als ob ihn die Fliege direkt angeschaut hatte. Den Eindruck, dass sie ihm etwas vermitteln wolle. Es war, als ob er durch ein Tor in eine unbekannte, geheimnisvolle Landschaft schaute. Unbekannt, befremdlich exotisch, aber reizvoll. Dann öffnete der Vogel seltsamerweise den Schnabel und das Insekt flog davon. Damit war der Spuk vorüber.
Wo gab es denn so was?
Er schüttelte den Kopf und schloss das Fenster. Irgendwie war ihm plötzlich kalt und heiß gleichzeitig. An seinen Unterarmen hatten sich die Häarchen gestellt.
Ob es vielleicht an dieser seltsamen Begegnung heute Morgen am Bahnhof lag?
Der wütend sehnsüchtige Blick von Lill, die ihn so unsanft angerempelt hatte,
war ihm den ganzen Tag nicht mehr aus dem Sinn gegangen.
Als er ihr die Hand auf die Schulter gelegt hatte, war ein Schauer durch ihren ganzen Körper gegangen. Sie nahm die Hände von den Augen und er blickte in tiefgrüne Seen, aus denen je eine Träne wie aus einer Quelle heraus quoll und wie ein Gebirgsbächlein rechts und links von ihrer hübschen Stupsnase bergab lief.
So viel Traurigkeit, so viel Verzweiflung, Wut und Sehnsucht auf einmal hatte er noch nie an einem Menschen gesehen.
Wenn er sich konzentrierte, konnte er sich direkt noch an den Duft von Vanille und Salz erinnern, der von ihrem Gesicht und aus ihrem Haar in seine Nase gestiegen war.
Er konnte sich nicht erinnern, dass er jemals schon so intensiv wahrgenommen hatte.
Da der Wind die aus der Tasche gefallenen Kleider von ihr auf der Straße zu verteilen drohte, hatte er sich widerstrebend von ihren Augen gelöst und sie hatten eilig alles wieder aufgesammelt und in der am Reissverschluss aufgerissenen Sporttasche verstaut.
Verlegen hatten sie sich noch ein paar Augenblicke angeschaut. Dann hatte er sich geräuspert, etwas von Beeilen und Uni gefaselt und sich verabschiedet. Halt! Woher wusste er eigentlich dann ihren Namen? Sosehr er sich auch bemühte, die Situation vor seinen Augen und Ohren ablaufen ließ, konnte er sich nicht daran erinnern, dass sie ihm ihren Namen genannt hatte. Er seufzte. Das war mal wieder typisch für ihn.
Die Kleine hatte ihm gefallen und er hatte die Situation verstreichen lassen. Er wusste nun nicht mehr als einen Vornamen.
Er könnte sich ohrfeigen. Und jetzt glaubte er schon, dass ihn eine Fliege im Schnabel eines Vogels fixiert hatte. Vielleicht war es ja die seltsame Musik, die immer aus dem unteren Stockwerk zu ihm heraufwehte.
Er sollte vielleicht mal wieder früher schlafen gehen.
