
Goldener Thymian 3 Donna Estefania
Donna Estefania spürte den jungen Mann schon lange, bevor er die Stiege hochkam und vor ihrer Türe innehielt. Nicht, dass sie es gewundert hätte, sie hatte schon immer ein außergewöhnliches Gespür für manche Wesen, wenn sie ihr näher kamen. Sie hatte schon Wochen vor seinem Einzug im Stockwerk über ihr gewusst, dass da ein besonderes Menschenkind auf dem Weg zu ihr war.
Wie immer, wenn des Nachts die Träume besonders farbig und lebhaft wurden, ja selbst am Tage sich ihr immer wieder seltsame Bilder vor die stinkende Wirklichkeit schoben, wie sie das Leben in den Städten nannte, begann sie ihr Reinigungsritual.
Zuerst reinigte sie ihre Gemächer, das Badezimmer, die Küche und am Schluss den Flur.
Gewissenhaft köchelte sie vorher das heimatliche Olivenoel, gab etwas fruchtiges Traubenkernoel, Pottasche, Lavendel und Zitronenthymian dazu, immer auf den richtigen Zeitpunkt bedacht, damit die Ingredenzien in der Mischung die stärkste Kraft entwickeln können und ließ die Mischung so weit verseifen, bis sie sie teelöffelweise, halb flüssig – halb fest, zusammen mit einer Spur anatolischen Rosenöls in ihren bronzenen Putzeimer gab. Etwas davon füllte sie in einen Zerstäuber, mit dem sie dann bequem auch die Fenster reinigen konnte.
Allerdings tränkte sie dort noch einige Zeitungsbögen mit etwas Zitronenessig, mit denen sie die Schlieren wieder vom Glas polierte. Nachdem sie alles, auch das Innere und den Inhalt ihrer Schränke aufs penibelste gesäubert, ihre gesamte Wäsche gewaschen und fein säuberlich in die ausgewaschenen Schränke, Kommoden und Truhen gestapelt hatte, begann sie mit der inneren und äußeren Läuterung ihres Selbst. Stundenlang saß sie nach getaner Arbeit vor ihrem Altar, dem Kreuz, der so seltsam lebendig anmutenden Ingwerwurzel, den glitzernden Phiolen voll von wertvollen Duftölen, dem mit Goldfäden durchwirkten, mit unzähligen geheimnisvollen Zeichen bestickten Tuch und sang alte, melodiöse, wunderlich gewundene heimatliche Weisen.
Wenn sich der letzte Lichtstrahl hinter den Häusern der Stadt verkrochen hatte, begab sie sich in ihr Schlafzimmer, öffnete Winters wie Sommers beide Flügel des Fensters und legte sich zum Schlafen nieder. Im Bett schlug sie sich in dieser Zeit in ein eigens dafür genähtes schlafsackähnliches Laken ein, das sie jede Nacht wechselte, um die ausdünstenden Giftstoffe aufzufangen. Nicht, dass Krümel auf dem Küchenboden, ein paar Flusen unter dem Sofa, etwas Schweiß an heißen Tagen sie sonst gestört hätten. Normalerweise achtete sie sogar darauf, beim Staubwedeln die Spinnennetze in den Ecken der Zimmer zu verschonen, nein – es war nicht der übliche Reinlichkeitsfimmel, mit dem Damen älterer Semester sonst vergeblich versuchten, die Verderbtheit der Welt aus ihrem Leben zu verbannen. Es war ganz einfach die Notwendigkeit, ein fast mystisches Bedürfnis, ihre Umgebung, sich selbst so rein, so unschuldig, so bereit wie nur möglich für dieses neue Wesen zu machen.
Es einzuladen in ihr Unversum, ihm Raum zu geben, um dort gesund zu wachsen, zu gedeihen und selbst frei von allen störenden Einflüssen seine Bedürfnisse wahrzunehmen, zu träumen und zu spüren. Bisher war es immer so gewesen, dass das Wesen, sei es nun ätherischer, mineralischer, pflanzlicher, tierischer oder gar menschlicher Natur, ihre Verwandtschaft sofort bemerkt hatte.
Doch dieses Mal war es anders. Warum vermochte sie nicht zu sagen.
Dieser junge Mann, mit den so neckisch sich kringelnden blonden Haaren, deren Locken ihm immer wieder über die dunklen, fast schwarzen aber ungemein neugierigen wachen Augen fielen, den aufgestellten Lauschern und dem schmetterlingsförmigen rötlichen Muttermal im Genick, schien sie nicht zu erkennen. Er schien sogar Scheu vor ihr zu haben, und wenn er sie erblickte, senkte er den Blick und ein waberndes zartes etwas, wie Morgennebel auf den Wiesen im Frühjahr, schob sich zwischen sie.
Er schien noch nicht bereit zu sein.
Eigentlich müsste sie das verwundern, ja erschrecken, doch es amüsierte sie erstaunlicherweise nur. Und, auch das war neu – ihre Nasenflügel begannen zu beben, kurz bevor sie ihn erblickte. Sie war gespannt, welche Aufgabe ihr dieses Mal zuteilwurde. Dieses Gefühl – Neugierde, ein leises, aber immer stärker werdendes Brennen hinter den Augen und gleichzeitig ein forderndes Ziehen im Rücken, hatte sie schon lange nicht mehr gespürt und genossen. Genauso wie dieses leichte, doch aufdringliche Jucken zwischen ihren Beinen. Sie kicherte. Auch das war auch schon so lange her, dass sie es fast vergessen hatte. Bruja fulminante hatte sie ihr Emilio immer genannt, wenn sie über ihn hergefallen war.
Sie ließ mit einem leisen Zischen die Fliege aus ihrer hohlen Hand entwischen, die sie gerade gefangen hatte, sah, wie der Pirol sie elegant aus der Luft fischte, zog die Vorhänge zu, räucherte sich mit Salbei ab und begann ihre tägliche Andacht.
