
Bild mit Hilfe der Gemini-KI und Paper Camera erstellt!
Goldener Thymian – Mücke
Kapitel 2
Er kannte die ältere Frau nicht persönlich, die hinter dieser Wohnungstür wohnte. schon öfter hatte er sie im Hof gesehen oder vor ihrem Reich. Sie war nicht besonders groß, ihre Haut hatte einen leichten Oliv-Stich und sie trug ihre dunklen Haare meist zu einem Zopf gebunden.
Sie wirkte, als würde sie dieses Haus irgendwie nicht wahrnehmen, lebte verborgen in einer Welt, die so ganz anders war als die seine, und dennoch nur wenige Türen von ihm entfernt. Er ertappte sich oft bei dem Gedanken, sich vorzustellen, wie ihre Wohnung wohl eingerichtet war, was für einen Beruf sie wohl habe, welche Bücher sie wohl lesen mochte.
Etwas an ihr verbot ihm, sie direkt anzusprechen.
So hielt er jedes Mal auf seinem Weg nach oben kurz vor ihrer Tür inne, um in seinen Gedanken in diese Welt einzutauchen. Er forschte in seinen Erinnerungen nach dem Duft von Weintrauben, sie schienen geruchslos zu sein, und dennoch war sein erster Gedanke an diesem Abend – Weintrauben – eine würzige Süße, vermischt mit Zimt und Pfeffer und etwas angenehm Verbranntem.
Adrian spürte das alte Geländer an seiner Hand und wünschte sich, er könne diesen Geruch deuten. Langsam zu den leisen Tönen, die durch die Tür drangen, schritt er weiter nach oben. Mit jedem Schritt erschien ihm die Luft klarer und heller, der Sog wurde schwächer, der ihn empfangen hatte, und sich wie hinter vorgehaltener Hand in seine Gehirnwindungen gebohrt hatte. Einzig dieser Geschmack von Trauben blieb auf seiner Zunge.
Leise schloss er die Tür seiner Wohnung und öffnete genauso vorsichtig das Fenster.
Das Muttertier saß am Rand des Nests, eine Mücke in ihrem Schnabel und beobachtete aufmerksam die Hauswand, fast hatte er das Gefühl, sie sah ihn direkt an. Im selben Moment riss ihn der Anblick der zappelnden Mücke aus den Gedanken an die Weintrauben.
