
Goldener Thymian – Wiedersehen
Als Lill vom Capoeira-Training nach Hause fährt, rennt sie beim Umsteigen am Bertholdsbrunnen fast eine Frau um.
„Nicht so stürmisch, junge Frau!“ Die ältere Dame hat einen schnellen Seitschritt gemacht, sodass Lill nun fast gegen einen Pfeiler rennt. Als sie sich umdreht, sieht sie in das lächelnde Gesicht der Frau, der sie vor ein paar Wochen geholfen hat, nach einem Sturz den Einkauf wieder einzusammeln.
Anfangs hatte sie noch oft an die Frau denken müssen, ihre besondere Ausstrahlung und diese freundlichen, wissenden Augen. Doch dann hatte der Alltag sie wieder voll im Griff und die Erinnerung war verblasst. Wenn sie ehrlich war, hatte nicht nur der Alltag dazu geführt, denn eigentlich spukten ihr immer noch die schönen Augen des Typs im Hirn herum, der ihr geholfen hatte, ihre Sachen wieder einzusammeln. Auch damals hatte sie ihr Temperament und die Wut auf den Ex blind für ihre Umgebung werden lassen, sodass es zu dem Zusammenstoß kam. Leider hatte sie ihn nicht nach dem Namen gefragt und ihn auch bisher nicht wieder gesehen. Sie seufzte.
„Sind Sie immer so in Eile?“
Oh, die Frau! Schon wieder war sie so tief in ihrem Inneren versunken gewesen, dass sie diese ganz ausgeblendet hatte.
„Oh, nein! Ich meine ja, und sorry! Sie haben recht, viel zu oft bin ich in meinem inneren Tornado gefangen. Dann lebt meine Umgebung ziemlich gefährlich. Leider! Ich hoffe, es ist nichts passiert?“
Die Augen von Estefania strahlen sie an, und die Dame legt eine Hand sanft auf Lills Schulter.
„Doch! Ich habe meine Retterin wieder getroffen. Und das ist wunderbar, wollte ich sie doch so gerne zum Dank bei mir zu Hause zum Essen einladen. Natürlich nur, wenn sie das möchte!“
Lill ist sprachlos. Etwas verwirrt. Sie spürt die zarte Berührung der Hand auf ihrer Schulter. Warm und beruhigend. Und sie wundert sich. Normal mag sie Berührungen von Fremden überhaupt nicht. Sogar bei Freunden weicht sie körperlicher Nähe eher aus. Ihr Ex, Mathias, nannte sie immer scherzhaft: Mein Blitzableiter, wenn sie bei plötzlichen Berührungen von ihm zusammengezuckt war. Einmal hatte sie ihm fast eine gescheuert, als er ihr von hinten die Augen zuhalten wollte. Doch gerade wollte sie sich nicht bewegen, wollte diese beruhigende Wärme weiter spüren. Seltsam!
„Nun, was sagen Sie, junge Frau. Haben Sie Lust auf ein köstliches spanisches Essen bei einer alten, runzligen Dame? Wenn ja, können Sie mich anrufen und wir machen etwas aus. Ich gebe Ihnen gerne meine Nummer.“
Lill ist noch so verwirrt, sie nickt nur und gibt Estefania ihr Smartphone, damit diese die Nummer eintippen kann.
„So, jetzt muss ich aber weiter. Ich muss bald anfangen, zu kochen. Sonst bin ich nicht fertig, bis mein Date erscheint. So sagt man doch heute, oder?“
Der leichte Druck und die Wärme verschwinden von Lills Schulter und als sie wieder aufschaut, ist die alte Dame verschwunden.
