
Grafik mit Hilfe von Gemini und PaperCamera erstellt
Goldener Thymian – Flügge
Seit gestern saßen zwei Jungvögel am Rand des Nests und schrien, was das Zeug hielt, wenn die Eltern kamen. Einerseits war es schön zu beobachten, doch andererseits war es dadurch so laut, dass er nun das Fenster schließen musste, um zu lernen. Nachdem er auf Anraten von Karl, einem Studienkollegen, den Tipp mit den Mehlwürmern bekommen hatte, waren die Eltern regelmäßig an sein offenes Fenster gekommen und hatten sich die ausgelegten Leckerbissen geholt. Nach ein paar Tagen durfte er sogar fast ganz am Fenster sitzen und sogar leise mit ihnen reden. Sie schauten ihn dann mit schräg gelegtem Köpfchen aus einem Auge an und er hatte fast das Gefühl, dass sie ihn verstanden. Er hatte sich schon überlegt, dass er sich vielleicht Fragen überlegen sollte und versuchen, Zeichen mit ihnen zu vereinbaren. Doch jetzt war das hinfällig, da die Scheibe zwischen ihnen war.
Als es leise ans Fenster klopfte, blickte er von seinem Bildschirm auf. Da saß tatsächlich die Vogelmutter und blickte ihn an. Hatte er vergessen, heute früh die Mehrlwürmer auszulegen? Nein. Wahrscheinlich wollte der Vogel nur mehr. Gedankenverloren wandte sich Adrian wieder seiner Arbeit zu. Doch kurz darauf klopfte es wieder und jetzt saßen Vater und Mutter auf dem Fensterbrett.
Seltsam! Vorsichtig stand er auf und ging langsam zum Fenster. Als er fast dort war, flogen die Vögel auf und flatterten im Abstand von ein, zwei Metern davor herum. Als er es geöffnet hatte und einen halben Meter zurückging, kehrten sie auf das Fensterbrett zurück, und schauten abwechselnd auf ihn und nach unten. Scheinbar wollten sie etwas von ihm. Er bewegte sich wieder aufs offene Fenster zu, um nach unten zu schauen. Beide flogen weg, einer ans Nest und der andere zum Baum auf der anderen Seite des Hofes, und machte dort einen ziemlichen Krawall.
Beim ersten Blick nach unten sah Adrian den Jungvogel am Boden. Beim zweiten Blick in Richtung Lärm entdeckte er die Katze. Zwar saß sie noch ruhig dort und putzte sich, doch beobachtete gleichzeitig das lärmende Tier über sich.
Puh! Was tun. Es war eindeutig. Sie hatten Angst um ihren Nachwuchs, der da vollkommen hilflos am Boden saß. Noch war er verdeckt vom Stamm, doch sollte das Raubtier mit der Pflege aufhören und durch den Hof streifen, wäre es ein gefundenes Fressen.
Spontan griff sich Adrian den leeren Schuhkarton seiner gestern gekauften neuen Sneeker und rannte, immer mehrere Stufen auslassend, die drei Stockwerke herunter, um so schnell wie möglich in den Hof zu kommen. Fast wäre er noch zwischen erstem Stock und Erdgeschoss auf den dort ausgelegten Prospekten ausgerutscht, doch er konnte sich gerade eben am Geländer abfangen. Außer Atem erreichte er den Durchgang zum Hof und sah, wie die Katze Richtung Baum schlich. Ein leises Piepsen kam jetzt von dort. Der Jungvogel rief seine Eltern.
Knurrend rannte Adrian in ihre Richtung, sie zögerte, fauchte kurz, doch floh dann in Richtung Mülltonnen. Aufatmend blieb Adrian stehen und bewegte sich nun langsamer auf die kleine Federkugel zu. Sie blieb tatsächlich sitzen und er konnte sie aufnehmen und vorsichtig in den Schuhkarton setzen.
Gerettet! Doch was jetzt? Nach kurzem Überlegen entschied er sich, den kleinen Pirol mit nach oben zu nehmen und dort den Karton auf sein Fensterbrett zu stellen. Der Rand des Kartons war so hoch, dass das Tier erst herauskonnte, wenn es auf den Rand flattern konnte. Dann konnte es aber fliegen und vielleicht sogar schon bald wieder ins Nest zurückfliegen.
Seine Rechnung ging auf. Zum Glück hielt das Wetter und regnete nicht. Nach zwei Tagen wurde der Jungvogel von seinen Eltern im Karton gefüttert. Dann sah Adrian ihn plötzlich wackelig auf dem Rand sitzen und kurz darauf erfolgreich zum elterlichen Nest fliegen. Sein Geschwisterchen begrüßte ihn lustig zwitschernd von einem Nachbarast.
Mission completed!
Danach kamen die Eltern-Pirole nicht mehr ans Fenster, um sich Würmer abzuholen. Doch die Jungen saßen öfter vor seinem Fenster und klopften. Doch Adrian wusste, dass er ihnen mit seiner Fütterung langfristig keinen Gefallen täte und legte wie früher nur sporadisch eine gefangene Fliege auf das Fensterbrett. Die Vögel schienen ihn noch zu beobachten, denn immer flogen sie kurz danach heran, klopften kurz mit ihrem Schnabel wie zum Dank ans harte Glas und nahmen den Meckerbissen mit. Nachts darauf schlief er dann besonders tief, träumte, dass er in einem flauschigen Vogelnest säße und wachte am Morgen mit einem Lächeln und bestens erholt auf.
