
Goldener Thymian – Edes Verwirrung
Etwas war seltsam, dieser Tage. Ede schüttelte den Kopf. Normalerweise war er nur ein oder zwei Tage in einer Stadt. Schon alleine, weil es gefährlich war, von irgendwem wiedererkannt zu werden. In seinem Job war Unauffälligkeit die erste Sicherheitspflicht. Und gerade jetzt, wo er in Freiburg diesen Cayenne requiriert und an einen neuen Besitzer, sprich Exporteur, übergeben hatte, war das Risiko besonders groß. Er musste verrückt sein, immer noch wie eine ferngesteuerte Marionette schon drei Tage lang immer gegen 10 Uhr Richtung Münster zu laufen. Gerade dort waren viele Menschen, die ihn auf dem Markt wiedererkennen könnten. Der Kaffee im Sams war zwar gut, und immer ein gutes Plätzchen zum Menschen beobachten, doch das war garantiert nicht der Grund, warum er nicht schon längst verschwunden war.
Natürlich wäre Freiburg eine tolle Stadt, in der er sich seinen Lebensabend als unbescholtener und nun gesetzestreuer Bürger gut vorstellen könnte. Doch sollten wenigstens ein paar Monate Gras über die Sache gewachsen sein, bevor er sich ungefährdet irgendwo niederlassen könnte. Er verstand sich nicht. So unvorsichtig war er all die Jahre nicht gewesen. Selbst wenn ihm ein bezauberndes Lächeln oder sogar eine wundervolle Nacht mit einer Traumfrau den Abschied schwer gemacht hatten, hatte er sich bislang immer diszipliniert verhalten und war gegangen, bevor Haken und Ösen in ihm oder den Mädelz entstehen konnten, die eine Spur zu ihm hätten legen können. Das war zwar traurig, doch er wollte die möglichen Konsequenzen von sich und auch den Menschen fernhalten. Zu seiner Sicherheit und um nicht Herzen zu brechen. Aus dem Knast heraus hätte er sie auch schwerlich wieder heilen können. Also blieb er besser alleine.
Es war zwar einsam, doch er lud so keine Schuld auf sich und zog keine Leute mit in sein kriminelles Leben. Zu einem Doppelleben wäre er nicht fähig! Die Diebstähle machten ihm kein schlechtes Gewissen. Die Typen, von denen die Luxuskarossen waren, tat der Verlust nicht wirklich weh. Und außerdem konnte man mit ehrlicher Arbeit nie und nimmer so viel verdienen, dass man sich solch einen Boliden leisten konnte. Ergo war ihr Geld auch geklaut. Zwar gesetzlich legal, doch moralisch eben Diebstahl.
Wenn er nur wüsste, was ihn da ritt. War es diese schrullige, aber interessante Alte, die er am Wochenende beobachtet hatte? Die junge Frau mit den grünen Augen, die irgendwie zwischen rassig und wütend wirkenden Ausstrahlung? So junges Gemüse war zwar äußerst reizvoll, doch da konnte er sich beherrschen. Auch der Opa, der die Alte nach ihrem Umknicken gestützt hatte, war ihm offen gesagt auch keinen zweiten Blick wert. Echt seltsam! Plötzlich fiel ihm wieder der pfeifende gelbe Vogel ein, der auf dem Schirm des Marktstandes gesessen hatte und dann, als ob er zu ihnen gehören würde, den beiden hinterher geflattert ist. Wenn er es sich genau überlegt, war er hier auf dem Münsterplatz mit seinem Blick immer in der Luft, als ob er auf den Vogel wartete.
Ede schüttelte wieder den Kopf. Hoffentlich wurde er jetzt, da er sich zur Ruhe setzen wollte und das Leben genießen, nicht plötzlich senil oder wunderlich!
