
Goldner Thymian – Nachtfrost Ede
„Goldener Thymian!“ Nachtfrost Ede grübelte, warum ihm gerade diese Worte andauernd durch den Kopf gingen. „Eine verwirrende Kombination!“
Plötzlich erinnerte er sich. Es muss dieses seltsame Paar gewesen sein, das ihm vor etwa zehn Minuten den Platz im überfüllten Straßencafé am Freiburger Münster, in dem er gerade seinen Espresso Dopio trank, freigemacht hatte. Er hatte noch immer den Duft der älteren Dame in der Nase, die vor ihm mit dem wohl gleichaltrigen, stattlichen, doch etwas vom Leben gebeugten Mann an seinem Tisch gesessen hatte. Zuerst hatte er an Schauspieler gedacht. Horst Buchholz und – wie hieß sie noch? – Catherine Zeta-Jones. Doch Buchholz hätte nicht diese tiefen Sorgenfalten gehabt, und Zeta-Jones war im Film nur als Mexikanerin verkleidet gewesen. Diese Frau, die in ihm die Bilder Kataloniens aufsteigen ließ, wirkte in ihrer südländischen Kleidung zwar etwas fremd hier, doch war sie in ihrer ganzen Art so authentisch, dass an ihrer Herkunft nicht zu zweifeln war.
„Gut. Der Thymian wäre geklärt. Warum aber Oktober?“
Während er seinen Blick über das bunte Treiben der Marktbesucher rund um das Münster schweifen ließ, kam ihm das Lächeln Anitas in den Sinn, und seine vollen Lippen zeigten einen schnellen Wechsel von altem Schmerz zu sanftem Lächeln. Anita! Die einzige Frau, die es geschafft hatte, sein Herz zu erobern. Wie ein Sturmwind war sie in sein Leben gefegt. Jede Nacht mit ihr war ein einziges lüsternes Schlachtfest gewesen. Sie war zwar das egozentrischste Wesen, das er je getroffen hatte, doch ihr Temperament und ihr bezauberndes Lächeln hatten ihn schmelzen lassen wie Eisblumen in der Frühlingssonne. Nachdem sie erfahren hatte, womit er seinen Unterhalt bestritt, hatte sie ihn von heute auf morgen verlassen. Was ihm selbst damals als nur zu verständlich erschienen war.
Was sollte eine junge Studentin mit besten Noten und glänzenden Zukunftsaussichten auch mit einem Taschendieb als Gefährten? Als er an sie dachte, verspürte er immer noch einen Stich tief in der Brust. Es war, als ob sein Herz kurz stehen bliebe und zornig seinen Dienst einstellen wollte. Anfangs hatte er sich selbst zynisch als Meister des Eigentors bezeichnet. Er hatte versucht, seine beruflichen Chancen durch den Besuch einer Abendschule zu verbessern, doch schnell wieder aufgegeben. Gerade die Abendstunden waren damals seine gewinnträchtigste Arbeitszeit.
Er führte sich noch einmal das ungleiche Paar vor Augen.
„Na klar! Nur ein verliebtes Paar konnte sich so anschauen. Es war, als ob die beiden keine Worte benötigen, um sich zu verständigen.“ Er hatte dies schon oft mit leisem Neid beobachtet.
„Goldener Oktober. Alter schützt vor Torheit nicht. Und vor Liebe!“
Irgendwie mussten sich der ihm noch immer präsente Duft der Dame nach südländischen Kräutern und ihrer Aura in seinen Hirnwindungen vermählt haben. Goldener Thymian! Das war in zwei Wörtern genau das, was er wahrgenommen hatte.
Ede, der eigentlich Franz hieß, freute sich, dass das Lächeln auf seinen Lippen blieb.
Noch ein, zwei Aufträge und er würde sich zur Ruhe setzen.
Seine Erfindung, die ihm zu seinem Namen bei den Hehlern und Berufskollegen verholfen hatte, hatte ihm im Laufe der Jahre ein kleines Vermögen eingebracht.
Die letzten Jahre musste er nicht mehr wahllos genauso mittellose Zeitgenossen um ihr schwer verdientes Geld bringen, sondern er erleichterte nur noch jene, die gar nicht wussten, was das Wörtchen Armut überhaupt bedeutet.
Zärtlich umschlossen seine gepflegten Finger die Spritze in der Sakkotasche, mittels derer er die Schlösser der Luxuskarossen unauffällig einfrieren konnte. Wenn die entnervten Besitzer ihrer immer dringenden Termine wegen mit dem Taxi davonfuhren, öffnete ihm der Inhalt einer zweiten Spritze mühelos die Fahrzeugtüren. Anfangs nur in Süddeutschland, dann in der ganzen Welt.
Er war zwar einsam dabei geblieben, doch war weit in der Welt herumgekommen und hatte prächtig verdient. Jetzt wurde es Zeit, aufzuhören! Denn wenn sie ihn doch einmal erwischten, wäre sein goldener Oktober futsch!
