Sinn finden 6 Das Hören

Hören und Erhören


Das Hören 


Beim Lesen des Manuskripts fiel mir auf, dass ich damals neben dem Visuellen auch das Auditive noch gar nicht thematisiert hatte. Dafür kann es mehrere Erklärungen geben. In meinem Fall kann ich sagen, dass ich auf so manchem Ohr taub bin. Ich will niemandem und nichts hörig werden und wenn sich jemand mir gegenüber im Ton vergreift, beißt er auf Granit. Ich habe einen leichten Schräghals, was bislang immer auf ein schlechteres Auge in der Kindheit zurückgeführt wurde. Allerdings hebe ich  tatsächlich deshalb immer ein Ohr weiter nach vorn. Oder eines weiter weg! Wer weiß, was Beängstigendes ich mir damals anhören oder mithören musste. Es scheint, als ob mein Unterbewusstsein noch heute auf diese Weise versucht, mich vor etwas (nicht mehr existentes) zu schützen und mich sogar als Kommunikationsprofi einen Teil meiner sinnlichen Kompetenzen vergessen lässt. Das weckt in mir den leisen Verdacht, dass ich die folgenden Worte im Buch auch und ganz besonders an mich adressiere. 


Wie Du schon an meinen Worten im letzten Absatz erkennen kannst, ist die Sprache und ihr Klang ein wichtiger Aspekt unserer Verbindung und Kommunikation mit unseren Mitmenschen. Wie wir reden, zeigt ganz viel von unseren Wertigkeiten, Zuordnungen und den verbundenen Emotionen. Und beim Hören entscheidet der Klang mehr als der Wortlautder Auslöser über Annahme oder Abwehr. 


Deshalb fangen wir jetzt an, das Hören neu zu entdecken und von alten Zuordnungen zu befreien.


Im Hier und Jetzt ist gerade mein Stift mit einem kurzen Knall auf die Tischfläche geprallt. Die Hosenbeine der Frau, die gerade an mir vorbeilief, rieben trocken aneinander und klangen fast wie das Rascheln von Laub, wenn ich durch den Wald laufe. Eine schwer schnaufende Person kommt die Treppe hoch. Es klingt etwas flach und nach Gummisohle. Ganz im Gegensatz zum metallisch harten Klang des andotzenden Stuhlbeins und das stumpfe Quietschen beim Verschieben eines Stuhls in der Nähe. Es klang fast, als ob der Stuhl protestieren wollte. Das lauteste sind meine Tastaturanschläge. Ähnlich laut ist das hohe Surren und  an die Scheibe ploppen einer Wespe rechts über mir. Leise röhrt eine Baumaschine und ein durchgängiges Brummen von Fahrzeugen vor der Stadtbibliothek. Beim Nachdenken rauscht mein Atem über den unter die Nase gehaltenen Finger.




Was nimmst Du gerade an Geräuschen um Dich herum wahr?
Manche Geräusche bleiben an der gleichen Stelle.
Andere bewegen sich rund um mich durch den Raum, kommen näher oder entfernen sich, werden lauter oder leiser.
Es gibt sich rhythmisch wiederholende und einzeln auftretende Geräusche
Empfindest Du die Töne als angenehm oder störend?


Werden die Geräusche angenehmer, wenn sie näher oder weiter weg, leiser oder lauter sind oder werden, kürzer oder länger bei Dir ankommen? 


Töne haben den einfachsten Zugang zu unseren Emotionen. Der Klang einer Stimme kann uns betören oder auch nerven. Der Ton macht die Musik, heißt es nicht umsonst. Eine Klientin hatte Probleme auf Prüfungen zu lernen und sich zu konzentrieren, weil bei den Hausaufgaben als Kind immer eine Tante neben ihr stand und sie streng verbesserte. Nachdem sie sich vorgestellt hatte, dass die Stimme sich beschleunigte und nun in ihrer veränderten Erinnerung wie eine Micky Maus klang, musste sie lachen. Zum besseren Lernen durfte sie die Maus noch leiser drehen, dann war die jahrelange Hemmung verschwunden. Jeder von uns kennt Situationen, in denen uns die Lautstärke in einer Kneipe oder bei einer Party zu laut war.
In meiner Jugend kam am Wochenende abends noch der Qualm dazu. Eben noch wollte ich heim gehen, im nächsten Moment setzte sich eine lächelnde Frau zu mir an den Tisch. Zwei Stunden später fiel mir auf, dass immer noch der Lärm und Qualm vorhanden war, ich aber die ganze Zeit während des anregenden Gesprächs nichts davon wahrgenommen hatte.


Wir haben die Fähigkeit, Reize von innen und außen so einzustellen, dass sie einer Fokussierung auf etwas Motivierendes oder Wichtiges nicht mehr im Wege stehen. Das ist eine Funktion, die uns ermöglicht in der dauernden Reizüberflutung rund um uns herum, jene Reize zu präferieren, die uns hilft, z.B. nicht über eine rote Ampel zu fahren, während wir uns parallel dazu mit unserer Partnerin streiten, ob wir zuerst in den Baumarkt oder den Lebensmittelladen fahren sollen. Gäbe es diese Fähigkeit nicht, wäre unser Bewusstsein permanent damit beschäftigt, zwischen allen einkommenden Informationen auszuwählen, um adäquat zu reagieren. 


Um zum Hören zurückzukommen: Jeder von uns hat seine Vorlieben und Abneigungen beim Klang. Das darf auch so sein! Unangenehm wird es nur, wenn wir weghören, wenn die Worte eines geliebten Menschen, unseres Chefs oder dem Wecker überhört, genauer gesagt ausgeblendet werden. Es hat meist Gründe in der frühen Kindheit, die wir nicht mehr verändern können. Doch in unserer Erinnerung dürfen und können wir die uns angeborene Fähigkeit nutzen und uns z.B. von eingeflüsterten Wertevorstellungen und Drohungen befreien. 


Eine schöne Übung, das Hören neu zu beleben, ist es mit anderen Sinneskanälen zu verbinden. 


Wie verändert sich Dein Gefühl, wenn Du in Deiner Vorstellung
Einer kritisierenden Stimme aus Deiner Erinnerung einen wärmeren Klang gibst?
Oder einen leisen Vorwurf stumm weit hinter Dich wirfst. 
Die Flötentöne, die Dein Vater, Deine Mutter  Dir beibringen wollte, in Vogelgezwitscher umwandelst?
Oder das Donnerwetter sich immer schneller entfernt?
Dem Stänkern eines Kollegen eine harmonische Note hinzufügst, sodass Dir plötzlich nichts mehr stinkt, sondern er verduftet?
Wenn Du magst, kannst Du gerne noch weiter nach solchen synästhetischen Verknüpfungen Ausschau halten, aus Deinen Erinnerungen ausbuddeln oder in den Zwischentönen der Sprachbilder Deiner Mitmenschen finden.




Ganz praktisch kann es sein, wenn Du störenden Geräuschen einen neuen Bezugsrahmen gibst. 
So konnte ein Freund in München im 20. Stock des Hochhauses besser einschlafen, nachdem ich erwähnt hatte, dass es für mich ähnlich wie Meeresrauschen klingt und in mir den Wusch weckt, wieder einmal an die Cote dˋAzur zu fahren.


Das Kindergeschrei in der Wohnung über Dir, könnte Dich daran erinnern, dass Du Dich da zum Glück nicht selbst drum kümmern musst. 


Im dumpfen Klopfen eines Teils der Heizungsanlage in der Nacht fand ich einen Rhythmus und suchte nach einer dazu passenden Melodie. Währenddessen schlief ich ein.


Einige Geräusche sind natürlich schwerer umzuwidmen. Die Fixierung darauf kann natürlich ein Hinweis sein, dass da noch etwas Anderes im Hintergrund stresst. Wenn wir im Moment keinen Zugang finden oder keine Abhilfe schaffen können, bleibt natürlich immer noch vorübergehend die Ablenkung mit etwas Lauterem, das uns davon abzulenken vermag.




Je nachdem, was Du für ein Weltbild hast, sind wir jetzt entweder alle Deine Dir bekannten Sinne durch, oder es fehlen noch einige, die nicht als klasische Wahrnehmungen anerkannt sind. Für manche Menschen sind Intuition, Zeitempfinden, Fantasie und Gewissheit, bzw. Glaube auch Sinnesfähigkeiten. Egal, was für Dich zutrifft: Wenn alle Sinne frei arbeiten können, werden erfahrungsgemäß Intuition (Gespür, Ahnung) und Fantasie immens gestärkt, genauer gesagt geschärft.


Jetzt und hier zählt jedoch nur das, was Du im Moment wahrnimmst! Sinnigerweise.


Die Frage ist nur, wie wir bisher wahrnehmen!. Wollen wir alles so lassen, wie es ist? (Dann hätte ich diese Zeilen nicht geschrieben und Du das Buch nicht gekauft!) Oder wollen wir schauen, welche unserer Fähigkeiten uns dabei helfen können, unsere Wirklichkeit so zu gestalten, sie zu komponieren, neu zusammenzusetzen, wie es unserem heutigen Geschmack und unseren Fähigkeiten entspricht. Sie so entwickeln, dass wir uns gerne auf den Weg in eine rosige oder gar glänzende Zukunft machen? Auf dass wir wieder ganz entspannt das Leben spannend finden können!

Wäre das nicht eine dufte Vorstellung?

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