
Chi Avari
Noch sehe ich nur das Chi. In der Kathedrale konnte ich zwar etwas Erhabenheit, Fülle und Stabiliät spüren. Doch dass es nur tote Substantive statt lebendige Verben sind, zeigt schon, dass ich noch verschlossen bin. Alles hat sich auf demKirchen-Bänkchen noch einmal deutlichst nach vorne gedrängt. Verspannungen vom unteren Rücken bis in den Nacken und die Schultern. Das Brennen im Bauch, die Furcht, die damit verbunden ist. Schuld und Scham über Vergangenes und als Antwort gleich Rechtfertigung und Bitte um Erlösung.
Was mich zum Glück aus dem mitgebrachten und immer präsenten inneren Elend herausholt ist die Fotografie. Ob sie mich wirklich in die unverletzliche Tiefe führt, oder auch nur eine Ablenkung ist, ist mir ehrlich gesagt schnurzpiep egal. Natürlich und zum Glück kann und will ich es auch nicht dauerhaft ausblenden. Ich möchte ja noch darüber hinauswachsen, bzw. es aus mir herauswachsen lassen. Irgendwohin wo es besser und leichter transformiert wird, als in meinem Inneren. Wurzeln ziehen kann und den Pilzen Nahrung bieten. Oder Flügel verliehen bekommen und sich am grandiosen Überblick berauschen. Und wo es weniger absturzgefährdet ist, als in mir drinnen. ~
Fromme Wünsche!
Denn all dies sind nur schöne Vorstellungen meines geforderten Geistes, der mir zu helfen versucht, meine Mauern, Türen und Fenster, den Dachstuhl auf dem schwachen Fundament eiinigermaßen abzusichern.
Vorerst, das heißt heute, bemerke ich, dass ich mich immer noch schnell in eine bekannte Zukunft bewege, wenn ich mit mir alleine bin. Und das bin ich eigentlich fast immer. Mein Ego als Botschafter der Seele schaut nur aus meinen Augen heraus, hört, schmeckt, riecht und spürt nur aus dem Schutz des Körpers. Trotz aller Therapie, trotz aller Erkenntnisse und tiefen Verständnis für die Welt um mich herum. Es ist, als ob ich die Welt erst sinnlich testen wollte, um sie in mich hinein, bzw. bevor ich mich in sie hinein bewegen darf.
Oft erscheint diese beruhigende Zukunft als Wunsch, etwas zu kaufen. wobei das Kaufen nur der Grund für das Beschäftigtsein ist. :hnlich wie beim Fotografieren, oder sich auf eine Reise vorbereiten und das Recherchieren und Planen davor. Selbst meine Schreiberei und das Dichten gehören in diese Kathegorie der Ablenkung vom Nichts. Wobei die Letzteren wenigstens noch einen reinigenden effekt haben. Wie das Spazieren im Wald oder die schamanische Reisen.
Ein anderes Kaliber, doch sicherlich mit dem selben Zweck, sind die Selbsbezichtigungsschleifen. Auch Krankheit und wiederkehrende Schmerzen gehören dazu. Sie ergänzen sich prima und dienen wohl auch dazu, mich wenigstens dort noch zu spüren. Sie helfen, meine sinnliche Existenz zu bewahren, dass sie nicht ganz im sicheren aber immer reizloseren Hafen der erfolgreichen Bewältigungsstrategien vor Anker geht und dort gelangweilt abstirbt.
Das Verständnis für die Unzulänglichkeiten der Welt und die oft verheerenden Folgen, die expressives Ausleben von unreflektierten Emotionen hat, hilft mir natürlich wenig, mich zu öffnen. Wahrscheinlich befürchtet ein wesentlicher Teil von mir, dadurch vom Opfer zum Täter zu werden. Inmeiner inneren Welt, wäre das unverzeihbar! So habe ich mir erfolgreich eine Zwickmühle gebaut. da ich mit mir selbst spiele, verliere ich, wenn ich gewinne.
Und dabei halte ich mich für intelligent!
Wie also diesen gordischen Knoten sprengen, diese Staumauer verschwinden lassen, ohne damit aus eigenem Elend zu Schuld und Scham zu wechseln? Noch habe ich keine Idee.
Es mag wohl an fehlendem Vertrauen liegen. In die Welt und vor allem an mich. Obwohl ich mittlerweile Erfahrungenmachen durfte, die mein Vertrauen in mich hätten stärken müssen. Obwohl mir immer wieder Dinge passiert sind, die keinen Zweifel an einer wohlwollenden Begleitung anderer Seinswelten mehr aufkommen lassen dürften. Die ich nur immer wieder vergesse. Oder vielleicht unterdrücke, um die altbekannten, meinem bisherigen Leben Sicherheit schenkenden Muster abrufen zu können.
Das Frustrierendste daran ist, dass ich all das Erlernte mülhelos weitergeben kann. Dass es beim Gegenüber wirkt und eben bei mir nicht. Wenn ich daran denke, muss ich mich wieder bewusst gegen die wieder einmal ausgelöste Selbstbezichtigung, gegen das Gefühl des Versagens wehren. Das gelingt zwar schnell, trennt mich aber wegen der dafür nötigen Ausrichtung nach innen von der Welt.
Nun weiß ich auch, dass das beschriebene mein Schatten ist, den ich ohne Bewertung anzunehmen habe, ihn mit Aufmerksamkeit ans Licht bringen darf und ihn eigentlich damit erlösen müsste.
Pustekuchen!
Bisher folgt er mir trotzdem auf den Fuß, wie ein treues Hundchen oder wie der Schatten, den die Sonne allem schenkt, was ihren Strahlen auf dem Weg zu Mutter Erde im Weg steht.
Was also könnte mir helfen, wenn Wissen, Verständnis, Wachstum, Akzeptanz und geistige Führung es bisher nicht geschafft haben, mich von meinen Ketten zu befreien? Selbst die Erkenntnis, dass gerade diese meine wackelige Grundlage mich erst all das gelehrt hat, was ich heute weiß und kann, hilft nur kurz. Die Dankbarkeit darlber schmilz im Alltag wie ein Softeis in der Hand eines Kleinkindes.
Warum nur kann ich die Kerkertüren anderer aufschließen, sie auf dem Weg nach draußen begleiten und bleibe selbst im Gefängnis. Wenn mein Los das eines Kerkermeisters ist, muss ich diesen Job auf Erden bis zum Ende behalten oder kann ich ihn auch kündigen und mir einen anderen suchen?
Wer gibt mir die Erlaubns? Wo genau gebe ich die Kündigung ab? Was möchte ich danach machen?
Muss ich vogelfrei werden, um das sichere Nest zu verlassen?
So viele Fragen!
Was in mir gibt die rettende Auskunft? Oder zumindest eine ermutigende?
